Du liebes Ding!

Objektsexualität/Objektophilie ist eine Form von Liebe, die außergewöhnliche Beziehungen hervorbringt. Seit 2012 dokumentiere ich verschiedene Partnerschaften.


multimedia – storytelling
von Kathrin Ahäuser



Valentina (*1963) ist Musiklehrerin für Klavier und Keyboard und wohnt im Ruhrgebiet mit ihren beiden Katzen Tiffy und Ronny, sowie ihrem Partner Valentino, ein Acer-Laptop. Bevor sie sich im Herbst 2013 in den Laptop verliebte, hatte sie sich schon einmal in einen Laptop einer Freundin verguckt. Mit Valentino hört sie Musik auf youtube, schaut Filme, verwaltet Bilder oder schreibt Emails. Ihr Laptop wirkt auf sie maskulin und sie empfindet ihn als „sanften Schönen“.





Die Berlinerin Michèle (*1989) ist Einzelhandelskauffrau. Mit ihrem Schatz, der Boeing 737-800, führt sie eine Fernbeziehung. Schon ihr ganzes Leben faszinieren sie Flugzeuge, besonders die Tragflächen. Zwar hatte sie einmal eine Beziehung mit einem Mann, aber es fühlte sich nicht richtig an.
Auf einem Flug nach Basel verliebte sie sich vor zweieinhalb Jahren in den Flugzeugtypen Boeing 737-800. Es ist das erste Mal überhaupt, dass sie in ein Objekt verliebt ist. Um ihrem Schatz nahe zu sein, macht sie regelmäßig planespotting am Flughafen oder fliegt Kurzstrecken mit ihm.





Sonnili (*1958) aus Greifswald ist eine ehemalige Krankenpflegerin und arbeitet seit einigen Jahren als Klaviersolistin. Sie spielt zu verschiedenen Anlässen, etwa zu Hochzeiten, Lesungen, Beerdigungen oder auf Palliativstationen. Seit sie 6 Jahre alt ist, konnte sie einen Bechsteinflügel und vor allem sein Notenpult Aufgehende Sonne, kurz Sonni, nicht mehr vergessen, das sie einmal in der Schule sah und hörte. Mit 13 Jahren malte sie sich eine Zeichnung ihrer Liebe, bis die Eltern es entdeckten und zerrissen. 2004 begegnete sie dem Bechsteinflügel und Sonni, dem Notenpult, in der Greifswalder Musikschule wieder. Seit diesem Tag sind die beiden unzertrennlich. Sonnili war zweimal in einer Beziehung mit einem Mann. Sie hat einen Sohn und eine Enkelin.





Denise (*1987) ist Zerspanungsmechanikerin. Sie lebt in einer WG im Ruhrgebiet. 2013 begann sie zu flippern und verliebte sich ein Jahr später in den Flipperautomaten Demolition Man. Neben ihrem Schatz "Demo Man" hat sie noch drei weitere Flipperautomaten in ihrem Zimmer stehen. Zuvor galt ihre Liebe einer Drehmaschine, die sie Colchester nannte. Sie hatte an Colchester in ihrer Ausbildung als Industriemechanikerin gearbeitet, sich verliebt und sie nach der Prüfung mitgenommen. Heute steht sie im Anbau neben ihrem Zimmer.

Objektsexualität

Seitdem ich mich mit Objektsexualität beschäftige, haben mir Leute im Gespräch über dieses Thema immer wieder ähnliche Fragen gestellt. Die Antworten, die ich gebe, sind das Resultat aus zahlreichen Gesprächen mit Objektsexuellen, die ich über ein Forum kennengelernt habe. Es gibt nur zwei amerikanische Studien zu Objektsexualität aus dem Jahr 2010, in Deutschland existieren bisher keine Erhebungen.



Objektsexualität ist eine Form von Liebe. Objektsexuelle treffen vorab keine Entscheidung für einen bestimmten Gegenstand - sie verlieben sich einfach, wie jeder andere auch. Das Objekt dient nicht als Mittel zur sexuellen Befriedigung wie etwa ein Vibrator. Es handelt sich um ein einziges Objekt, das nicht durch Ähnliche ausgetauscht und auch nicht zwangsläufig besessen werden kann. Mit einem sexuellen Fetisch hat Objektsexualität daher nichts zu tun. Es ist zudem in keinem Klassifikationssystem für psychische Krankheiten aufgeführt wie in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) oder dem Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM).



Die meisten Objektsexuellen empfinden seit ihrer Kindheit eine tiefe Zuneigung zu Gegenständen und gehen davon aus, mit dieser Neigung zur Welt gekommen zu sein. Bis heute konnte die Wissenschaft nicht klären, ob Sexualität genetisch bedingt ist. Objektpartner stellen keinen Ersatz dar für enttäuschende Beziehungen, mit Menschen etwa. Sie dienen somit nicht dazu, etwas Negatives auszugleichen. Männer wie Frauen können objektsexuell sein.



Grundsätzlich ja. In welcher Form Sexualität gelebt wird, hängt sowohl vom Menschen, als auch vom Objekt ab. Es ist vergleichbar mit Sex zwischen Menschen: Für die einen spielt er eine wichtige Rolle, für die anderen eine Geringere bis hin zu Asexualität.



Objektsexuelle kommunizieren über Blicke, Worte und Zärtlichkeit, sowie gedanklich mit ihrem Gegenstand. Sozusagen auf einer anderen Wahrnehmungsebene. Sie sprechen von Feinstofflichkeit. Das Objekt hat für sie eine Seele und sie nehmen dessen Energie wahr. Sie vermissen nichts an ihm, sie schätzen dessen individuelle Merkmale, seine Funktion, die Geräusche, die es erzeugt.



Sie verlieben sich beispielsweise in Zäune, Baumaschinen, Kräne, Flugzeuge, Gebäude, Bauwerke, Musikinstrumente, Flipperautomaten und Computer. Es sind oftmals Maschinen beziehungsweise technische Objekte.




Es gibt Objektsexuelle, die polygam leben. Die meisten Objektsexuellen bevorzugen aber einen einzigen Objekt-Partner.


Sie können Menschen & Objekte gleichzeitig lieben, unabhängig davon welche Orientierung sie in Bezug auf Menschen haben. Liebe, Identität und Sexualität sind facettenreich.



Sie leiden wie jeder andere auch unter dem Verlust des Partners.


In solchen Fällen spielt Eifersucht natürlich eine Rolle und es ist gegebenenfalls nur eine Art Fernbeziehung möglich.




Offizielle Zahlen dazu, wie viele Menschen weltweit objektsexuell sind, gibt es nicht. In einem der größten Foren zu Objektsexualität in Deutschland, das von 2011 bis 2016 existierte waren circa 40 Personen registriert.



Die Schwedin Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer war die erste Person, die in den Medien durch ihr Outing bekannt wurde. Sie heiratete 1979 die Berliner Mauer.



Genauso wie es Homo- und Intersexualität bei Tieren gibt, ist auch Objektsexualität bekannt. Besondere Bekanntheit erlangte durch Medienberichte ein Schwan, der eine Beziehung mit einem Tretboot führte.

© Kathrin Ahäuser

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Verwendete Schriften:

Roboto Slab und Roboto, Copyright von Christian Robertson, Apache License, version 2.0, geladen von Google Web Fonts.